Nicht heilende Wunde am Zeh: Arzt-Odyssee

Nicht heilende Wunde am Zeh: Arzt-Odyssee nach aufgescheuerter Blase

Renate, 76 Jahre, ehemalige Grundschullehrerin

Alles begann recht harmlos

Im September 2016 hatte ich mir an der kleinen rechten Zehe beim Laufen eine eigentlich unbedeutende Blase zugezogen. Diese wurde dann am Strand auf Norderney aufgescheuert.

Die Wunde entzündete sich, und zwei Wochen später waren die Schmerzen so groß, so dass ich zum ersten Mal einen Arzt aufgesucht habe. Der hat mir eine Kortison/Antibiotika-Creme (Betamethason+Fusidinsäure) verschrieben, die aber leider nicht geholfen hat.

Von Arzt zu Arzt – von Therapieversuch zu Therapieversuch

So bin ich dann Anfang Oktober in die chirurgische Ambulanz gefahren. Dort hat man den Eiterherd, der sich mittlerweile gebildet hatte, entfernt und die Wunde mit einer desinfizierenden Povidon-Jod-Lösung, leider auch dies ohne Erfolg.

Im dritten Schritt bemühte ich meinen Hausarzt, der mir 14 Tabletten Clindamycin verschrieb. Die Wunde war immer noch offen und eiterte weiterhin. Der nächste Versuch wurde dann mit Gentamicinsalbe gestartet.

Mein Alltag war zwar kaum behindert, ich konnte jedoch nur unter Schmerzen Sport treiben, da buchstäblich der Schuh drückte. Und da Sport einen wesentlichen Teil meines Lebens ausmacht, fühlte ich mich doch sehr eingeschränkt. Mein Mann hat mir geholfen, indem er ein Loch in den Laufschuh geschnitten hat, so dass die Zehe mehr Platz hatte.

Mitte November 2016 suchte ich meinen Hausarzt erneut auf, der mir noch einmal 30 Clindamycin-­Tabletten verschrieben hat.

Nächste Station meiner Odyssee war zwei Wochen später meine Hautärztin. Diese vermutete ein Ekzem und hat mir Gentamicin verordnet. Da keine Besserung eintrat, war ich drei Monate später erneut bei ihr. Die Ärztin hegte den Verdacht auf Allergische Vaskulitis, worauf eine Biopsie vorgenommen wurde. Vor dieser Diagnose hatte ich große Sorge, denn es besteht die Gefahr, dass eine Vaskulitis auch an anderen Stellen im Körper auftreten kann. Diese Vorstellung hat mich psychisch doch recht belastet. Das Ergebnis der Biopsie war nicht ganz eindeutig, der Verdacht auf Allergische Vaskulitis stand weiterhin im Raum.

Mitte März wurde die Behandlung mit Kortison-Tabletten (Prednisolon) fortgesetzt, und für die weitere Diagnose wurde am 27. Juli 2017 ein großes Blutbild angefertigt, leider ohne weitere Erkenntnisse zu liefern. Meine Hautärztin empfahl mir schließlich, eine dermatologische Fachklinik aufzusuchen. Das habe ich auch getan. Die Behandlung dort war ein Witz. Der zuständiqe Arzt hat sich die Wunde kurz angesehen und dann bloß eine andere Salbe verschrieben (diesmal eine Kombination aus Betamethason und Gentamicin). Danach wurde ich entlassen.

Die Behandlung zu Hause wurde nun mit verschiedenen Präparaten fortgesetzt (Gentamicin, Antimykotikum+Kortison-Creme: Miconazol / Flupredniden-Creme, Betamethasonsalbe, Mometason-Lösung, Bäder mit synthetischem Gerbstoff (Phenol-Methanal-Harnstoff-Polykondensat), Pinselungen mit Kaliumpermanganat) und im November mit einer schmerzhaften Kortison-Injektion (Triamcinolon) in die Wunde. Doch es trat keine Besserung ein!

Anfang Dezember dann ein weiteres Blutbild. Dieses Mal wurde geschaut, ob eine Autoimmunerkrankung vorliegt. Aber erneut wurde nichts Auffälliges entdeckt. Ich habe es dann weiterhin mit Bädern versucht. Die Entzündung nahm aber wieder zu. Mittels Wundabstrich wurde die Möglichkeit einer Pilzinfektion geprüft. Auch dieser Verdacht hat sich nicht bestätigt.

Rötung und Schwellung nehmen weiter zu

Im Februar 2018 war ich auf Empfehlung der Hautärztin für fast eine Woche in einer weiteren dermatologischen Fachklinik. Es wurde wieder eine Probe entnommen; das Ergebnis: unspezifisch. Man spritzte mir mehrfach Kortison in die Zehe – eine überaus schmerzhafte Prozedur – und schickte mich mit der Hoffnung nach Hause, dass sich nun endlich die Zehe bessern würde.

Leider trat keine Besserung ein, im Gegenteil verschlechterte sich im April der Zustand weiter: Rötung und Schwellung am Fuß nahmen zu, die Wundöffnung wurde größer. Anfangs war die Wunde wenige Millimeter breit, nun vergrößerte sie sich bis auf einen halben Zentimeter.

Und dann noch die Empfehlung zur Amputation

So ging die Arzt-Odyssee weiter. In der Fachklinik hatte man im Abschlussbericht empfohlen, eine gefäßchirurgische Untersuchung vorzunehmen. Die habe ich dann Anfang Mai 2018 durchführen lassen, in einem anderen Krankenhaus. Das Ergebnis: keine Auffälligkeiten, ein Verschluss der Blutgefäße konnte nicht festgestellt werden. Der behandelnde Professor befand, dass weitere Behandlungen keinen Sinn machten, bei zu hohem Leidensdruck käme eine Amputation in Frage. Darauf hätte ich mich sogar eingelassen. Da aber weiterhin unklar war, ob es sich nicht doch um eine Vaskulitis handelte, und eine Amputation in dem Fall keinen Sinn gemacht hätte, riet mir meine Hautärztin davon ab.

Am 28. Juni 2018 war ich in meiner Verzweiflung wieder bei der Ärztin, die es nochmal mit 50 Tabletten Kortison versuchte. Aber alles wurde schlimmer: der Zeh war stark geschwollen, die Rötungen gingen weit in den Fuß hinein. Auch eine Röntgenuntersuchung und eine Untersuchung des Urins auf Blut Anfang August förderten nichts Auffälliges zutage. Als die Entzündung weiter fortschritt, befürchtete meine Hautärztin, es könnte sich Wundbrand entwickeln. Sie empfahl mir voller Sorge erneut, eine dermatologische Spezialklinik aufzusuchen. Wir entschieden uns für eine Klinik mehrere hundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt.

Stationär in der Hautklinik – keine Diagnose, aber die alte Therapie

Bei der Voruntersuchung dort riet mir der behandelnde Arzt zur stationären Aufnahme. Während des zehntägigen Aufenthalts wurde eine MRT gemacht und eine tiefere Probeentnahme durchgeführt. Die Wunde wurde wieder mit einer Salbe mit Fusidinsäure und Betamethason und mit Bädern behandelt. Mit Sultamicillin wollte man die starke Entzündung in den Griff bekommen. Auf dieses Antibiotikum habe ich ganz schlecht reagiert, plötzlich stark gezittert, hatte Schweißausbrüche und enorme Beklemmungen, so dass in der Nacht ein Arzt gerufen werden musste. Zunächst hatte ich Probleme, dem Pfleger klarzumachen, dass es mir wirklich schlecht geht. “Das kann nicht sein, regen Sie sich doch nicht auf“, meinte er. Aber meine Bettnachbarin hat zum Glück richtig Alarm geschlagen. Das Medikament wurde dann abgesetzt und leider ein neues nicht versucht.

Am Ende des Klinikaufenthaltes die lakonische Feststellung: Ursache unspezifisch. Recht besehen war man also in der Diagnose keinen Schritt weitergekommen: ein niederschmetterndes Ergebnis! Dass ich darauf mit Weinen reagierte, kann man wohl nachfühlen.

Die Behandlung im Wundzentrum brachte die Wende

Die Wende in meiner Leidensgeschichte brachte ein Gespräch mit einer Freundin. Diese ist mit einem Professor bekannt, der mir riet, mich bei einem Zentrum für Wundheilung vorzustellen. Diese Wundzentren – es gibt eine ganze Reihe davon in Deutschland – sind auf die Behandlung problematischer Wunden spezialisiert.

Ich bin nun diesem Rat gefolgt, habe eine nicht allzu weit entfernte Klinik gefunden und ein engagiertes Team aus Ärzten und Schwestern angetroffen. Beeindruckt hat mich als erstes die große Sorgfalt, mit der die Anamnese durchgeführt wurde; man kann sich denken, dass meine Unterlagen schon einen größeren Umfang angenommen hatten. Die Idee des leitenden Arztes war folgende: Ein in der Behandlung von Handverletzungen erprobtes Verfahren auch bei meiner Zehe zu versuchen. Dazu habe ich mich bereitgefunden, auch wenn solch eine ambulante Behandlung über einige Wochen wieder viel Fahrerei bedeutete.

Nun kurz zur Therapie selbst: Die Wunde musste zunächst vom Fibrinbelag, der sich mittlerweile gebildet hatte und die weitere Heilung blockierte, befreit werden; dies geschieht mit Ultraschall. Dadurch wird die ursprüngliche, ganz natürliche Heilung wieder in Gang gesetzt. Parallel dazu wurde bei mir ein Antibiotikum (Ampicillin) angewendet, um die Entzündung zu bekämpfen. Der zweite Schritt des Verfahrens besteht im Anlegen eines sogenannten Semi-Okklusivverbandes, der mehrmals, jeweils nach einigen Tagen, erneuert wird. Dabei wird ein Wundmilieu geschaffen, das den natürlichen Heilungsprozess besonders fördert. Zuletzt wird auch dieser Verband fortgelassen, so dass die Wunde an der Luft weiter heilen kann. Resultat: Nach sieben Behandlungen war die Wunde geschlossen!

Mehr als zwei Jahren dauerte die Arzt-Odyssee

So hat meine Leidensgeschichte nach zweieinhalb Jahren ein Ende gefunden, wenn auch – das ist zweifellos ein Wermutstropfen – eine fundierte Diagnose immer noch aussteht. Aber, und das ist die Hauptsache, ich bin beschwerdefrei und auch beim Sport nicht mehr eingeschränkt.

Um zum Abschluss meine „Odyssee“ zu illustrieren, hier einige Zahlen: In den 30 Monaten über 40 Arztbesuche, 10 Tagesbesuche in Kliniken, 16 Tage stationärer Aufenthalt in 4 verschiedenen Krankenhäusern, 4750 km Fahrten mit dem eigenen Pkw.

Mit dem persönlichen Umfeld sprechen und Ratschläge annehmen

 Ich möchte keinem Arzt, niemandem des Pflegepersonals einen Vorwurf machen. Die Zehe selbst und mein Blut wurden auf jede bekannte Weise untersucht, und ich kann nicht beurteilen, wieso die zunächst gewählten Therapieformen allesamt nicht geholfen haben.

Von den beiden Fachkliniken und den dortigen Kapazitäten hatte ich mir mehr erhofft. Nachdem klar war, dass ich nicht für eine Chefarztbehandlung versichert war, habe ich die zuständigen Professoren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das war schon enttäuschend.

In den Krankenhäusern hätte ich gerne mehr Informationen von den Ärzten oder dem Pflegepersonal gehabt, ein bisschen mehr persönliche Anteilnahme wäre auch nicht schlecht gewesen. Aber mir ist klar, dass das Personal sehr belastet ist, und ich bin realistisch genug zu wissen, dass diese Erwartung in unserem Gesundheitssystem gar nicht erfüllbar ist.

Manchmal fühlte ich mich auch nicht ganz ernst genommen. „Bloß ne kleine Zehe, ne kleine Wunde“, dachte ich oft. Meine Hautärztin meinte: “Es könnte sein, dass man so denkt. Aber lassen Sie sich nicht beirren, wir machen weiter.“ Ich kann nur dankbar sein, eine so engagierte Ärztin zu haben.

Ich glaube, es ist zudem wichtig, sich mit seinem persönlichen Umfeld auszutauschen, über seine Ängste zu sprechen und Hilfe auch anzunehmen.

Meine Geschichte zeigt, es lohnt sich, nicht zu kapitulieren. Ich habe nie die Hoffnung aufgegeben, dass es für mich eine Lösung gibt. Das hat mir sehr geholfen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte von patientengeschichten.online fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.
Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung der Redaktion von patientengeschichten.online dar.
Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen, sofern dies gewünscht wurde.

 

Weiterführende Informationen

 

Redaktion: Philipp und Günter Ollenschläger

Stand: 20. 10. 2019