Mein Herzinfarkt – der Besuch rettete mir das Leben

Mein Herzinfarkt – der Besuch rettete mir das Leben

Ingrid 67 Jahre,  Industriekauffrau in Rente

Als es passierte hatte ich Besuch. Das war ein großes Glück, da ich sonst alleine lebe. Ich spürte Schmerzen in der linken Brust und im linken Arm, dazu habe ich stark geschwitzt. Ich dachte mir aber nicht, dass es sich um eine solch schlimme Krankheit handelt. Mein Besuch hat mich dann trotzdem ins Krankenhaus  gebracht, alleine hätte ich das gar nicht mehr geschafft. Vermutlich wäre ich am nächsten Tag zu meinem Hausarzt gegangen. Im Krankenhaus wurde mir gesagt, dass es dann vermutlich schon zu spät gewesen wäre. Der Besuch rettete mir sozusagen das Leben.

Zu schwach für Fragen

Ich bin dann in ein anderes Krankenhaus  verlegt worden, wo sofort ein Herzkathetereingriff gemacht wurde. Vor dem Eingriff wurde ich vom Krankenhauspersonal aufgeklärt und beruhigt. Die meinten, dass ein solcher Eingriff Routine sei. Ich wusste bereits von anderen Ärzten, dass das nicht so schlimm ist und dass man dabei keine Schmerzen hat. Aber mir ging es zu dem Zeitpunkt ohnehin so schlecht, dass mir fast alles egal war.

Während des Eingriffs sprachen die Ärzte viel mit mir. Es bestand zudem die Möglichkeit alles über den Monitor mitzuverfolgen, was allerdings ohne Brille gar nicht so leicht war. Als Laie kann man es wahrscheinlich gar nicht so genau beurteilen, aber ich habe mich im Krankenhaus gut betreut gefühlt.

Grundsätzlich finde ich es wichtig, den Ärzten Fragen zu stellen. Und ich glaube auch, dass man meistens Antworten darauf erhält. Ich persönlich habe allerdings nicht viel gefragt – ich glaube, ich war dazu gar nicht in der Lage. Ich weiß auch gar nicht, ob mir das in  irgendeiner Weise geholfen hätte.

Was ich den Ärzten rate

Ich finde, dass Ärzte auf die Patienten offen zugehen sollten. Dabei ist es wichtig, dass sie erklären, wie genau sie sich die Behandlung vorstellen, gleichzeitig sollten sie herausfinden, wie die Vorstellungen des Patienten sind. So entsteht eine bessere zwischenmenschliche Beziehung. Ärzte sollten auch nicht über sondern mit dem Patienten reden. Bei der Visite im Krankenhaus habe ich etwas Merkwürdiges erlebt: Eine ältere, erfahrene Ärztin war gemeinsam mit einer ganz jungen Ärztin bei mir am Bett. Die junge Ärztin hat sich viele Notizen gemacht und Fragen zu meinem Gesundheitszustand gestellt. Die Kommunikation fand jedoch nicht mit mir statt, sondern es wurde nur über mich gesprochen. Das fand ich schon etwas seltsam. Auf einige Fragen wollte die ältere Ärztin – ich bin mir unsicher, ob sie Chef- oder Oberärztin war – keine Antworten geben, da die jüngere Kollegin dies selber herausfinden müsse. Es wirkte fast so, als würde die ältere die jüngere maßregeln. Es ist selbstverständlich, dass jüngere, unerfahren Ärztinnen und Ärzte bei der Visite dabei sind, schließlich lernen sie so. Allerdings erscheint mir die Weise, die ich erlebt habe, nicht angemessen. Die junge Ärztin wirkte die ganze Zeit sehr schüchtern und schien Angst zu haben, etwas falsches zu sagen. So etwas macht auf Patienten meist einen nicht sonderlich kompetent Eindruck.

Ich mache vielleicht nicht immer das Richtige

Ich muss gestehen, dass ich mich nicht immer an die ärztlichen Vorgaben halte. In Arztpraxen liegen ja meist Infoblätter aus, die ich mir gelegentlich auch durchlese. Ich finde solche Informationen auch schön und gut, letztendlich mache ich die Sachen aber doch auf meine Weise. Manchmal suche ich auch im Internet nach Infos. Ich komme dann meist von einer Seite auf die nächste, wenn mir etwas nicht gefällt, dann interessiert es mich auch nicht wirklich. Ich möchte noch selber entscheiden was ich tun kann, da sind mir medizinische Informationen, die mir Verhaltensänderungen nahe legen, nicht so recht. Ich möchte da auch gar nichts schön reden, aber so verhalte ich mich nun mal.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte von patientengeschichten.online fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.
Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung der Redakion von patientengeschichten.online dar.
Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen, sofern dies gewünscht wurde.

 

Redaktion: Philipp Ollenschläger

Stand: 12. 10. 2018

 

Mein Herzinfarkt – der zweite Infarkt mit 41

Mein Herzinfarkt – der zweite Infarkt mit 41

Frank 41 Jahre, Sozialpädagoge

An diesem Tag habe ich im Garten gearbeitet. Ich fühlte mich schlapp und innerlich müde. Zunächst dachte ich, es läge an der Hitze. Vorsichtshalber habe ich dann aber meine Sachen zusammengepackt und bin ins Haus gegangen. Beim Treppensteigen bemerkte ich,  dass ich richtig kurzatmig war, mein Puls raste. Ich spürte ein Drücken in der Brust. Dieses Gefühl kannte ich schon von meinem ersten Herzinfarkt. Die Schmerzen strahlten dabei bis in den Arm aus. Ich habe dann meinen Blutdruck gemessen, der lag bei 157 zu 130 – ein viel zu hoher Wert. Ich war mir dann zunächst unschlüssig: jemanden Fragen ob er mich ins Krankenhaus bringt oder den Notarzt rufen? Ich entschied mich für den Notarzt. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, weil dann ging alles ganz schnell.

Der Notarzt hat zwar nicht sofort die Diagnose Herzinfarkt gestellt, machte aber Andeutungen in diese Richtung. Als Akutmaßnahme bekam ich einen Atemspray. Laut behandelndem Oberarzt sei das aber nicht ausreichend gewesen, weshalb er mich im Krankenhaus behielt. Dort wurde ich dann zügig operiert. Dabei wurde mir ein dritter Stent eingesetzt, und es wurde festgestellt, dass noch weitere Sachen gemacht werden müssen: ein weiterer Stent muss eingesetzt werden, vielleicht ein Bypass und ein Defibrillator – das habe ich noch vor mir.

Die Ärzte sprachen mit mir, nicht über mich

Ich habe mich im Krankenhaus gut aufgehoben gefühlt, die Ärzte haben wirklich viel mit mir geredet und mich gründlich untersucht. Das war sehr erfreulich. Bei meinem ersten Herzinfarkt haben die Ärzte eher über mich gesprochen statt mit mir. Das habe ich als sehr belastend wahrgenommen. Es ist ohnehin ziemlich nervtötend auf der Intensivstation, da man die ganze Zeit auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Nach meinem ersten Infarkt musste ich regelrecht darum betteln, damit ich auf die Toilette darf oder man mir den “Schieber” bringt. Ich hatte damals den Eindruck, dass das Personal grundsätzlich ziemlich genervt war.

Eine Schwester beschwerte sich sogar bei mir, weil ich sie beim Frühstück gestört habe. Das fand ich unglaublich! Die Ärzte und das Pflegepersonal sollten immer menschlich bleiben und sich auch mal fünf Minuten Zeit nehmen. Es ist wichtig, dass sie gegenüber den Patienten offen sind, auf sie zugehen und genaue Auskünfte geben. Nach meinem zweiten Herzinfarkt war das der Fall, das fand ich sehr schön. Mir wurde meine Perspektive aufgezeigt, die Ursache für den Infarkt erklärt und man nannte mir Beispiele von ähnlichen Fällen. Das hatte für mich einen sehr hohen Wert.

Viele Fragen stellen und Schriftliches fordern

Anderen Patienten rate ich, viel mit den Ärzten zu sprechen und immer Fragen zu stellen. Das Gesagte sollte man sich zudem auch schriftlich geben lassen – das ist ganz wichtig. Ansonsten kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Auf die Frage, ob ich wieder Auto fahren dürfe, bekam ich beispielsweise von einem Arzt die Erlaubnis, ein anderer Arzt meinte, dass ich noch nicht so weit sei. So eine Widersprüchlichkeit ist ziemlich nervend.

Momentan stelle ich mir oft die Frage, wie es mit der Krankheit weiter geht und was ich künftig noch machen darf. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr Auto fahren oder fliegen darf. Außerdem mache ich mir Sorgen um meine Arbeit. Das sollte zwar nur sekundär sein, aber solche Zukunftssorgen sind glaube ich ganz normal. Ganz schlimm finde ich auch, dass mein Umfeld jetzt glaubt, immer Rücksicht auf mich nehmen zu müssen.

 

Danksagung

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Redaktion: Philipp Ollenschläger

Stand: 24. 9. 2018

 

Mein Herzinfarkt – dem Tod knapp entkommen

Mein Herzinfarkt – dem Tod knapp entkommen

Karsten 47 Jahre, CNC Fräser

Ich komme meist gegen 7 Uhr von der Nachtschicht und schlafe dann bis meine Tochter um 13.30 von der Schule nach Hause kommt. Die weckt mich dann immer. Am Tag als es passierte, spürte ich ein Brennen in der Brust. Zehn Minuten lang hat sich das durch starkes Unwohlsein ausgedrückt. Irgendwann stand die Postfrau an der Tür um ein Paket abzugeben, da waren die Beschwerden wieder weg. Trotzdem befürchtete ich, es könne sich um etwas Ernstes handeln. Anschließend war ich aber trotzdem im Baumarkt und habe dann daheim Fußboden verlegt. Irgendwann kam meine Frau von der Arbeit und meinte, dass ich mich unbedingt vom Arzt untersuchen lassen solle.

Mein Hausarzt hat dann ein EKG gemacht, bei dem Auffälligkeiten sichtbar wurden. Daraufhin hat er mich direkt für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus geschickt. In der Notaufnahme musste ich rund 20 Minuten warten, dann ging alles ganz schnell: Ich wurde auf eine Trage gelegt, man gab mir mehrere Spritzen, irgendwelche Nadeln wurden gelegt und verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Ich hatte wirklich Angst, ich wusste schließlich nicht genau, was da gerade passiert.

Nach einiger Zeit stand die Diagnose: Herzinfarkt! Ich sollte zunächst für eine Herzkatheteruntersuchung in ein anderes Krankenhaus überwiesen werden. Aber da es da bereits 17 oder 18 Uhr war, haben sich die Ärzte kurzerhand umentschieden und einen Kollegen, der eigentlich Urlaub hatte, ins Krankenhaus gebeten, damit er den Eingriff durchführt. Während des Eingriffs wurde bei mir dann ein Stent eingesetzt. Ich muss sagen, dass ich mich in diesem Krankenhaus sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Da ich aus dem Ort komme, kannte ich viele der Klinikmitarbeiter. Alle haben sich um mich gesorgt.

Keine Ruhe auf der Intensivstation

Ich war in der ersten Nacht auf der Intensivstation in einer Art “Durchreichezimmer”. Da ging es die ganze Zeit hoch her, so dass ich nicht wirklich zu Ruhe kommen konnte. Das fand ich sehr störend. Zudem habe ich meine Familie sehr vermisst. Ich konnte dort viel über meine Lage nachdenken. Ich glaube, dass ich mit meinem Lebensstil – ich esse gerne fettig, rauche, trinke hier und da Alkohol – auch zum Infarkt beigetragen habe. Man fragt sich dann ob es das wert war. Hinzu kommt, dass ich vermutlich familiär vorbelastet bin. Mein Bruder hatte auch einen Herzinfarkt und ist daran gestorben.

Mit Blaulicht in die Klinik

Beim Kathetereingriff in meinem Heimatort konnten nicht sämtliche Probleme beseitigt werden. Deshalb bin ich am darauffolgenden Tag für einen weiteren Eingriff mit Blaulicht in eine Spezialklinik gebracht worden. Es war der Freitag vor dem Pfingstwochenende. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung bis spätestens 18 Uhr gemacht werden müsse – der nächstmögliche Termin wäre erst am darauffolgenden Dienstag gewesen. Die Vorstellung, vier Tage im Krankenhaus zu liegen und zu warten, hat mir Angst bereitet. Zum Glück bin ich dann doch noch rechtzeitig dran gekommen. Bei dem Eingriff wurde ein zweites Gefäß behandelt. Zudem fanden die Ärzte eine dritte Stelle, von der aber keine Gefahr ausgegangen sei.

Am nächsten Tag um 10 Uhr saß ich dann schon wieder im Taxi nach Hause. Ich war sehr froh, dass in der Spezialklinik alles so schnell ging.

Suche nach Reha-Platz – schwerer als erhofft

Zuhause musste ich mich dann um einen Platz in einer Reha-Klinik kümmern. Da Pfingstferien waren, hat sich das als schwerer als gedacht herausgestellt. Insgesamt zehn Tage war ich dann erstmal daheim. Ich hätte mir mehr Unterstützung bei der Suche nach einer geeigneten Kur gewünscht. Zu guter Letzt konnte ich zwischen fünf Reha-Einrichtungen aussuchen. Ich entschied mich für eine Klinik in einem beschaulichen Kurort.

Dies erwies sich als eine gute Entscheidung, da sich dieser Ort unweit der Spezialklinik befindet.  Nach einem Belastungstest während der Kur, bei dem eigentlich alles gut gelaufen ist, bin ich einfach umgekippt und war tot. Circa ein bis zwei Minuten. Mit einem Defibrillator holten mich die Ärzte zurück ins Leben. Danach wurde ich wieder in die Spezialklinik gebracht, wo ein weiterer Kathetereingriff gemacht wurde – dreieinhalb Stunden haben die Ärzte in mir “rumgerührt”, ohne dabei etwas neues zu finden. Es wurde dann letztendlich noch die dritte Stelle gemacht, weil die Ärzte vermuteten, dass dies die Ursache für den Vorfall nach dem Belastungstest gewesen sein könnte.

Mit den Ärzten sprechen

Es war dann zunächst einmal unklar, wie lange ich in der Klinik bleiben sollte. Die Ärzte kamen morgens meist zu dritt an mein Bett, sprachen untereinander über mich, aber nicht mit mir. Meine Zimmernachbarn wurden nach und nach entlassen, aber ich musste bleiben. Das war eine schwere Zeit für mich. Als ich am vierten Tag immer noch nicht entlassen wurde, kamen mir die Tränen. Die Schwestern holten dann einen Arzt, der sich viel Zeit für mich nahm – das tat gut. Nach fast einer Woche im Krankenhaus schlug man mir dann vor einen Defibrillator implantieren zu lassen. Ich musste mich entscheiden: nichts machen, einen S-ICD oder einen ICD einsetzen lassen. Die darauffolgende Nacht konnte ich kaum ein Auge zumachen. Ich habe die ganze Nacht im Internet über die einzelnen Optionen gelesen. Letztendlich entschied ich mich für den S-ICD. Ich hätte mir grundsätzlich mehr Entscheidungshilfen vom Klinikpersonal gewünscht. Eigentlich ist es die Aufgabe der Ärzte, mich richtig aufzuklären, nicht die des Internets.

Ich hatte im Krankenhaus aber auch eine sehr positive Erfahrung: Eine Schwesternschülerin – gerade einmal 16 Jahre alt – hat sich richtig viel Zeit für mich genommen und sich ausgiebig mit mir unterhalten. Sie konnte mir zwar auf der medizinischen Ebene nicht so viele Tipps geben, schließlich war sie gerade erst am Anfang der Ausbildung, aber nach einem solch traumatischen Erlebnis ist es schön, wenn man jemanden hat, der sich sorgt.    

Mein Rat für andere Patienten

Anderen Patienten kann ich nur raten, dass sie viel mit den Ärzten kommunizieren sollten und wenn etwas unklar ist, müssen sie unbedingt nachfragen! Auch ich habe den Fehler gemacht und zu wenig nachgefragt. Ich hoffe zwar, dass ich nie wieder in eine solche Situation komme, aber wenn doch, dann werde ich beim nächsten Mal viel mehr mit den Ärzten sprechen.

 

 

Danksagung

Erfahrungsberichte von patientengeschichten.online fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.
Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung der Redakion von patientengeschichten.online dar.
Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen, sofern dies gewünscht wurde.

 

Redaktion: Philipp Ollenschläger

Stand: 20. 9. 2018

Mein Herzinfarkt – Erdrutsch und Chance

Mein Herzinfarkt – Erdrutsch und Chance

Sylvia, 58 Jahre, Gesundheitswissenschaftlerin

Schwierige Diagnostik, wenn man „Läuse und Flöhe hat“

Ich hatte mich gerade etwas von einer Polyneuropathieerkrankung erholt, deren Ursache nie geklärt werden konnte, als im März 2018 mein körperliches Leistungsvermögen erneut allmählich aber stetig abnahm. Ich kam nicht mal eine Treppenetage nach oben, ohne Pause zu machen und nach Luft zu schnappen, konnte keine 200 Meter gehen, ohne mich auszuruhen. Meine Hausärztin meinte, dass dafür höchstwahrscheinlich mein Asthma verantwortlich ist. Dann schwollen die Füße stark an und ich hatte Schmerzen in den Füßen, manchmal so stark, dass ich mit Gehhilfen zur Arbeit ging. Dafür sei die Polyneuropathie verantwortlich, wurde mir gesagt. Ich quälte mich weiter, bis ein befreundeter Professor für Anatomie mutmaßte, dass aus seiner Sicht das Herz für die Beschwerden verantwortlich sein könnte.

Ein befreundeter Arzt, dem ich in einem Telefonat meine Symptome schilderte und um Rat fragte, vermutete eine Herzinsuffizienz vom Stadium NYHA 3 (was sich später auch als richtig herausstellte). Ich bat meine Hausärztin um Überweisung zum Kardiologen. Der telefonisch erfragte Termin lag ca. drei Monate in der Zukunft – Hmm: Noch drei Monate mit den Beschwerden leben, die mich so stark beeinträchtigen? Gut gemeinter Tipp meiner Hausärztin (die mich immer sehr gut betreute und die auch viel mit mir redete): „Gehen Sie in die Notaufnahme, da geht es schneller mit der Diagnostik.“ Sie gab mir den Tipp, weil sie sich nun auch Sorgen machte. Das tat ich dennoch nicht, denn die Notaufnahme ist für Notfälle zuständig und ich wollte nicht zu denen gehören, die die Notaufnahmen sinnlos „verstopfen“.

Der Hausarzt unserer Freunde hat mir dann innerhalb von 3 Tagen einen Termin bei einer mit ihm befreundeten Kardiologin verschafft. Das war am 6. Juni 2018. Ein Belastungs-EKG konnte nicht durchgeführt werden, weil mein Blutdruck (trotz Medikamente) zu hoch war, der Herzschall schien auf nichts Ernstes hinzudeuten. Meine stark geschwollenen Füße und meine schlechte körperliche Konstitution wurden als normale Symptome der Wechseljahre gedeutet.

Drei Tage später, an einem Samstagabend bekam ich eine starke Panik, der ganze Körper zitterte, ich hatte starke Schweißausbrüche, der Blutdruck stieg auf 210/145 mmHG, und ich hatte eine starke körperliche Gewissheit: Jetzt ist etwas Ernsthaftes passiert. Mein Mann rief den Kassenärztlichen Notdienst unter 116117 an. Warteschleife. Minuten werden zur Ewigkeit. Er hat nun auch Angst und wählt die Notrufnummer 112. Dort wurde ihm gesagt zunächst die 116117 anzurufen. Das tat er erneut. Wieder Warteschleife, aber dann ging der Ruf durch. Der Kassenärztliche Notdienst schickte nach Schilderung der Situation sofort einen Rettungswagen. Das EKG zeigte keine beunruhigenden Veränderungen, aber später in der Notaufnahme stellte sich heraus, dass es doch ein Infarkt war. Ein sogenannter NSTEMI, der sich im EKG nicht manifestiert nur in den Werten der Herzenzyme und im Troponinwert.

Entscheidung und Vertrauen – beides ist lebensnotwendig

Ich liege bis vier Uhr am nächsten Morgen in der Notaufnahme, denn Herzenzyme und Troponinwert werden in Abständen mehrfach kontrolliert. Danach werde ich auf Station verlegt und eine junge, nette Ärztin erklärt mir, dass gegen 7:00 Uhr am Morgen eine Herzkatheteruntersuchung gemacht wird und mir, wenn es erforderlich ist, Stents eingesetzt werden. Ich weiß, dass es Entscheidungshilfen zur Revaskularisationstherapie gibt, bin aber nicht in der Lage, das morgens um vier Uhr nach dem „Ereignis“ anzusprechen. Den Aufklärungsbogen unterschreibe ich, ohne ihn vorher gelesen zu haben. Dazu war ich nicht in der Lage. Ich hätte jetzt alles unterschrieben. Ich war einfach zu fertig, zu müde, zu angstvoll und zu aufgedreht zugleich. Ich verlasse mich auf Geschick, Wissen, Können und Urteilsvermögen der Ärzte, die dann später die Revaskularisation durchführen.

Mir wurden bei einer Dreigefäßerkrankung in drei in einem zeitlichen Abstand erfolgten Herzkatheteruntersuchungen sechs Stents eingesetzt. Es konnte nicht in einer Sitzung erfolgen, da ich sonst zu viel von dem nierenschädigenden Kontrastmittel erhalten hätte.

Die nächsten zwei Tage nach dem ersten Eingriff verbrachte ich auf der „chest pain unit“, einer Art Intensivstation für Notfälle an Herz und Lunge. Das Gepiepse der Geräte an die ich angeschlossen war, war mir seltsamerweise eher eine Beruhigung, als dass es mich gestört hat. Ich wusste, ich werde „überwacht“. Das hat mir Sicherheit gegeben. Um Angst zu haben, war ich zunächst noch zu schwach. Ich hatte überlebt. Das war das Wichtigste. Bei Verlegung auf Station erhielt ich ein tragbares EKG-Gerät und fühlte mich erst einmal sehr unsicher. Würden es die Pflegekräfte in der Kanzel merken, wenn etwas „passiert“? Die Panikattacken begannen. Ich dachte, das gehört dazu und habe es nicht deutlich genug in der Visite angesprochen. Nur so kleine Andeutungen gemacht. Ich erhielt den Rat, nicht so in mich hineinzuhorchen. Das war sicher sehr gut gemeint, hatte aber die gleiche Wirkung wie der Rat „weine doch nicht“ bei jemandem, der vor Kummer schluchzen muss.

Vier Tage nach der ersten Herzkatheteruntersuchung wurde die zweite Untersuchung durchgeführt (die Dritte dann nach der Reha). Ein junger Arzt sollte mich aufklären. Etwas unsicher trat er vor meinem Bett in größerem Abstand von einem Bein aufs andere (er hatte wohl wenig Zeit) und begann seine Aufklärung mit den Worten: „Sie kennen den Ablauf der Untersuchung ja nun schon. Was ich aber nochmal sagen muss ist, dass Sie während der Untersuchung wieder einen Infarkt oder einen Schlaganfall bekommen können, oder dass wir sie wiederbeleben müssen. Ist halt so.“ Er lächelt und zuckt mit den Achseln. Ich versuche mich mit einem Scherz und frage ihn, ob er glaubt, dass ich mich nun nach seinen Ausführungen sicher fühle….

Die Ärzte und Pflegenden, die die Untersuchungen durchgeführt haben, waren großartig. Mir wurde alles erklärt, sie haben mich beruhigt und sich trotz starker Konzentration auf das nicht so einfache Geschehen mir immer wieder zugewandt. Mehrfach wurde ich ermutigt, mich sofort zu melden, wenn mich etwas beunruhigt oder mir irgendetwas komisch oder seltsam vorkommt, ich Schmerzen habe, Ängste etc. Das tat richtig gut. Ich war dankbar und habe das den OP-Teams der Herzkatheteruntersuchungen auch gesagt.

Als ich zum Beispiel bei der zweiten Herzkatheteruntersuchung sagte, dass ich „gerade ein sehr beklemmendes Gefühl in der Herzgegend habe“, sagte der Operateur ganz ruhig zu mir: „Das darf jetzt gerade so sein. Das bin ich mit dem Katheter. Ich bin jetzt drin im Gefäß. Das wird gleich besser.“ Und ich wurde sofort viel ruhiger.

Immer wieder bekam ich (und bekomme ich –wenn auch nicht mehr so häufig- bis heute) Schweißausbrüche und zittere am ganzen Körper, die Hände kribbeln. Dann kommt die Angst, es könne sich ein neuer Infarkt ankündigen. Und irgendwann kommt dann auch die Angst vor der Angst. Diesen Teufelskreis darf man nicht einfach so laufen lassen. Dagegen muss man etwas tun. Es ist durch Studien belegt, dass viele Patienten nach einem Eingriff am Herzen Angstattacken bekommen, was bis zu Entstehung einer Depression führen kann.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten den Angstattacken zu begegnen:

  • Ein Infarkt kann zu einem psychischen Trauma führen. Es gibt in Deutschland Psychotherapeuten mit einer speziellen Ausbildung in Traumatherapie:
    https://www.therapie.de/psychotherapie/-verfahren-/traumatherapie/
  • Viele Universitätskliniken haben eine psychokardiologische Ambulanz eingerichtet. Danach sollten Patienten schon während ihres Klinikaufenthaltes fragen. Ich habe mir dort einen Termin geholt und bin gespannt! Ich muss allerdings noch einen Monat darauf warten.
  • Es gibt auch spezielle psychokardiologisch ausgebildete Psychotherapeuten und Rehakliniken mit psychokardiologischem Behandlungsschwerpunkt. Adressenlisten unter: psychokardiologie.org
  • Entspannungstechniken und Yoga erlernen. Mir persönlich hilft Yoga sehr im Umgang mit meiner Angst, insbesondere die Atemübungen. Ich kann es nur empfehlen. Außerdem ist es eine sportliche Angelegenheit. Die meisten Krankenkassen übernehmen einen großen Anteil der Kosten für einen Yogakurs.
  • Mehr wissen über den Kreislauf von Angsstörungen, damit man ihn gezielt durchbrechen kann.
    (z.B. http://www.angst-auskunft.de/AAA_Angst_und_Panik.htm)

Akutbetreuung erledigt und wie weiter?

Patienten mit einem Infarkt haben Anspruch auf eine Anschlussheilbehandlung, kurz AHB. Das ist eine Rehabilitation, die sich unmittelbar an den Klinikaufenthalt anschließt und noch während des Klinikaufenthaltes beantragt werden muss. Das tun die SozialarbeiterInnen der Klinik. Kommen sie nicht von selbst ans Bett, sollte man nach ihnen fragen.

Inhalte der AHB sind Sport, Entspannung und Patientenschulung zum Erkrankungsbild, zur Lebensstilveränderung und zur Bewältigung. In die Patientenschulungen, die ich erlebt habe, haben die didaktischen Grundlagen der Erwachsenenbildung noch keinen Einzug gehalten. Da ist noch Luft nach oben!

Ich bekam von der Kliniksozialarbeiterin eine Auswahl von fünf kardiologischen Rehakliniken im Umkreis, aus denen ich eine wählen konnte. Ich wählte die, auf deren Homepage vermerkt war, dass sie zu den besten 10 kardiologischen Rehakliniken Deutschlands gehöre. Das hat jedoch nichts zu sagen, denn es ist mir nicht gelungen, die Kriterien herauszubekommen, an denen das festgemacht wird. Die Beurteilung des Rehaerfolgs erfolgte durch eine subjektive Einschätzung der betreuenden Ärztin und mich (die übrigens voneinander abwichen). Meine andere Grunderkrankung (Polyneuropathie) spielte keine Rolle. Man könnte den Rehaerfolg doch gut objektivieren: ein Belastungs-EKG am Anfang der Reha mit einem Belastungs-EKG am Ende der Reha vergleichen.

Wer eine Rehaklinik sucht, die nach transparenten Qualitätskriterien bewertet wurde, kann hier nachsehen :
https://www.qualitaetskliniken.de/reha/

Ein unbedingtes MUSS ist die Änderung des Lebensstils. Das klingt immer wie eine Floskel in allen Aufklärungsmaterialien, aber für Betroffene ist es genau das, was sie selbst tun können. Und das ist enorm wichtig. Gesunde Ernährung, viel Bewegung (am besten in einer Herzsportgruppe und auch darüber hinaus). Auch die Auseinandersetzung mit und Bearbeitung von „queren“ Lebens- und Leistungseinstellungen sind sehr wichtig.

Ein echtes Problem für die Betroffenen im arbeitsfähigen Alter ist die Frage: Wann kann ich wieder arbeiten? Ein zu früher Eistieg ist ebenso schädlich wie ein zu später Einstieg. Außerdem muss man sich überlegen, ob man sein Leben nicht generell „umkrempelt“. Steige ich wirklich wieder in den gleichen Job ein oder muss ich über Alternativen nachdenken? Das ist manchmal nicht einfach, denn Patienten brauchen ja auch eine soziale Absicherung. Leichtfertige Kündigungen sind ebenso gefährlich für die Gesundheit wie ein Zurück in alte Bahnen, die ja auch ihren Beitrag zum Infarkt geleistet haben. Hier gibt es keine allgemeingültigen Regelungen. Das muss jeder für sich und am besten mit der Hausärztin/dem Hausarzt klären.

Mich hat der Infarkt aus meiner Mitte geworfen. Er war ein Frontalangriff auf das Zutrauen in mich selbst. Ich konnte in der Vergangenhiet alle Warnzeichen des Körpers ignorieren und weitermachen, wie gehabt. Das geht nun nicht mehr. Deshalb ist mein Infarkt auch ein Geschenk, eine große Chance. Wichtig ist dabei, die eigenenen körperlichen Grenzen kennenzulernen. Etwas, das ich (wie auch viele andere Infarktpatienten) erst lernen muss… Da gibt es noch ein gerüttelt Maß an Unsicherheit. Auch habe ich immer noch das unspezifische „Autoimmungeschehen“, auch wenn die Taubheit in den Füßen nach der Revaskularisation (des wieder-durchgängig-machen) des Herzens nachlässt, ermüde ich immer noch schnell und bekomme schon geringer körperlicher Betätigung Schweißausbrüche. Und dann kommt die Angst… Beruhigend de Worte meines Hausarztes: „Bei Ihnen müssen wir jetzt besonders aufpassen.“

Rat für Ärzte und Pflegende

  • Sich namentlich vorstellen oder ein gut lesbares Namensschild tragen (viele Patienten kennen die Namen ihrer behandelnden Ärzte nicht)
  • Sich kurz ans Patientenbett setzen während der Aufklärung (in jedem Krankenzimmer gibt es Stühle!). Augenhöhe vermindert Abstand und damit auch Angst.
  • Darauf achten dass der Patient in Würde zuhören kann (und zum Beispiel nicht gerade auf dem Schieber sitzt)
  • Bei der Aufklärung nicht nur Komplikationen sondern auch den Nutzen der Maßnahmen herausstellen.
  • Entscheidungshilfen aus der NVL KHK in den Aufklärungsbogen integrieren oder zumindest mit verwenden
  • Dem Patienten auch erklären, wie er sich während der Maßnahme fühlt (ob er/sie Schmerzen haben wird, bzw. alles, was vom sonst gewohnten Empfinden abweicht etc.)
  • Die Patienten zum Fragen ermutigen.
  • Das Problem der Ängste und Panikattacken von Beginn an im Auge behalten. Adressen von Hilfsangeboten schon in der Klinik aushändigen.

Rat für Patienten

  • Den Ärzte und Pflegenden signalisieren: ich habe Vertrauen in dich. Wenn ich als Patient ein gutes Miteinander und eine gute Kommunikation erwarte, muss ich selbst auch etwas dafür tun.
  • Den Mund aufmachen und fragen. Zum Beispiel während einer Untersuchung: „Ist das normal, dass ich jetzt gerade ein sehr beklemmendes Gefühl in der Herzgegend habe?“
  • Keine Angst, auch Sorgen und Ängste anzusprechen.
  • Sich informieren über die Erkrankung, den Umgang damit und über Adressen von Hilfsangeboten.

Danksagung

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Redaktion:  Günter Ollenschläger

Stand: 18. 9. 2018