Mein Herzinfarkt – dem Tod knapp entkommen

Mein Herzinfarkt – dem Tod knapp entkommen

Karsten 47 Jahre, CNC Fräser

Ich komme meist gegen 7 Uhr von der Nachtschicht und schlafe dann bis meine Tochter um 13.30 von der Schule nach Hause kommt. Die weckt mich dann immer. Am Tag als es passierte, spürte ich ein Brennen in der Brust. Zehn Minuten lang hat sich das durch starkes Unwohlsein ausgedrückt. Irgendwann stand die Postfrau an der Tür um ein Paket abzugeben, da waren die Beschwerden wieder weg. Trotzdem befürchtete ich, es könne sich um etwas Ernstes handeln. Anschließend war ich aber trotzdem im Baumarkt und habe dann daheim Fußboden verlegt. Irgendwann kam meine Frau von der Arbeit und meinte, dass ich mich unbedingt vom Arzt untersuchen lassen solle.

Mein Hausarzt hat dann ein EKG gemacht, bei dem Auffälligkeiten sichtbar wurden. Daraufhin hat er mich direkt für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus geschickt. In der Notaufnahme musste ich rund 20 Minuten warten, dann ging alles ganz schnell: Ich wurde auf eine Trage gelegt, man gab mir mehrere Spritzen, irgendwelche Nadeln wurden gelegt und verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Ich hatte wirklich Angst, ich wusste schließlich nicht genau, was da gerade passiert.

Nach einiger Zeit stand die Diagnose: Herzinfarkt! Ich sollte zunächst für eine Herzkatheteruntersuchung in ein anderes Krankenhaus überwiesen werden. Aber da es da bereits 17 oder 18 Uhr war, haben sich die Ärzte kurzerhand umentschieden und einen Kollegen, der eigentlich Urlaub hatte, ins Krankenhaus gebeten, damit er den Eingriff durchführt. Während des Eingriffs wurde bei mir dann ein Stent eingesetzt. Ich muss sagen, dass ich mich in diesem Krankenhaus sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Da ich aus dem Ort komme, kannte ich viele der Klinikmitarbeiter. Alle haben sich um mich gesorgt.

Keine Ruhe auf der Intensivstation

Ich war in der ersten Nacht auf der Intensivstation in einer Art “Durchreichezimmer”. Da ging es die ganze Zeit hoch her, so dass ich nicht wirklich zu Ruhe kommen konnte. Das fand ich sehr störend. Zudem habe ich meine Familie sehr vermisst. Ich konnte dort viel über meine Lage nachdenken. Ich glaube, dass ich mit meinem Lebensstil – ich esse gerne fettig, rauche, trinke hier und da Alkohol – auch zum Infarkt beigetragen habe. Man fragt sich dann ob es das wert war. Hinzu kommt, dass ich vermutlich familiär vorbelastet bin. Mein Bruder hatte auch einen Herzinfarkt und ist daran gestorben.

Mit Blaulicht in die Klinik

Beim Kathetereingriff in meinem Heimatort konnten nicht sämtliche Probleme beseitigt werden. Deshalb bin ich am darauffolgenden Tag für einen weiteren Eingriff mit Blaulicht in eine Spezialklinik gebracht worden. Es war der Freitag vor dem Pfingstwochenende. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung bis spätestens 18 Uhr gemacht werden müsse – der nächstmögliche Termin wäre erst am darauffolgenden Dienstag gewesen. Die Vorstellung, vier Tage im Krankenhaus zu liegen und zu warten, hat mir Angst bereitet. Zum Glück bin ich dann doch noch rechtzeitig dran gekommen. Bei dem Eingriff wurde ein zweites Gefäß behandelt. Zudem fanden die Ärzte eine dritte Stelle, von der aber keine Gefahr ausgegangen sei.

Am nächsten Tag um 10 Uhr saß ich dann schon wieder im Taxi nach Hause. Ich war sehr froh, dass in der Spezialklinik alles so schnell ging.

Suche nach Reha-Platz – schwerer als erhofft

Zuhause musste ich mich dann um einen Platz in einer Reha-Klinik kümmern. Da Pfingstferien waren, hat sich das als schwerer als gedacht herausgestellt. Insgesamt zehn Tage war ich dann erstmal daheim. Ich hätte mir mehr Unterstützung bei der Suche nach einer geeigneten Kur gewünscht. Zu guter Letzt konnte ich zwischen fünf Reha-Einrichtungen aussuchen. Ich entschied mich für eine Klinik in einem beschaulichen Kurort.

Dies erwies sich als eine gute Entscheidung, da sich dieser Ort unweit der Spezialklinik befindet.  Nach einem Belastungstest während der Kur, bei dem eigentlich alles gut gelaufen ist, bin ich einfach umgekippt und war tot. Circa ein bis zwei Minuten. Mit einem Defibrillator holten mich die Ärzte zurück ins Leben. Danach wurde ich wieder in die Spezialklinik gebracht, wo ein weiterer Kathetereingriff gemacht wurde – dreieinhalb Stunden haben die Ärzte in mir “rumgerührt”, ohne dabei etwas neues zu finden. Es wurde dann letztendlich noch die dritte Stelle gemacht, weil die Ärzte vermuteten, dass dies die Ursache für den Vorfall nach dem Belastungstest gewesen sein könnte.

Mit den Ärzten sprechen

Es war dann zunächst einmal unklar, wie lange ich in der Klinik bleiben sollte. Die Ärzte kamen morgens meist zu dritt an mein Bett, sprachen untereinander über mich, aber nicht mit mir. Meine Zimmernachbarn wurden nach und nach entlassen, aber ich musste bleiben. Das war eine schwere Zeit für mich. Als ich am vierten Tag immer noch nicht entlassen wurde, kamen mir die Tränen. Die Schwestern holten dann einen Arzt, der sich viel Zeit für mich nahm – das tat gut. Nach fast einer Woche im Krankenhaus schlug man mir dann vor einen Defibrillator implantieren zu lassen. Ich musste mich entscheiden: nichts machen, einen S-ICD oder einen ICD einsetzen lassen. Die darauffolgende Nacht konnte ich kaum ein Auge zumachen. Ich habe die ganze Nacht im Internet über die einzelnen Optionen gelesen. Letztendlich entschied ich mich für den S-ICD. Ich hätte mir grundsätzlich mehr Entscheidungshilfen vom Klinikpersonal gewünscht. Eigentlich ist es die Aufgabe der Ärzte, mich richtig aufzuklären, nicht die des Internets.

Ich hatte im Krankenhaus aber auch eine sehr positive Erfahrung: Eine Schwesternschülerin – gerade einmal 16 Jahre alt – hat sich richtig viel Zeit für mich genommen und sich ausgiebig mit mir unterhalten. Sie konnte mir zwar auf der medizinischen Ebene nicht so viele Tipps geben, schließlich war sie gerade erst am Anfang der Ausbildung, aber nach einem solch traumatischen Erlebnis ist es schön, wenn man jemanden hat, der sich sorgt.    

Mein Rat für andere Patienten

Anderen Patienten kann ich nur raten, dass sie viel mit den Ärzten kommunizieren sollten und wenn etwas unklar ist, müssen sie unbedingt nachfragen! Auch ich habe den Fehler gemacht und zu wenig nachgefragt. Ich hoffe zwar, dass ich nie wieder in eine solche Situation komme, aber wenn doch, dann werde ich beim nächsten Mal viel mehr mit den Ärzten sprechen.

 

 

Danksagung

Erfahrungsberichte von patientengeschichten.online fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.
Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung der Redakion von patientengeschichten.online dar.
Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen, sofern dies gewünscht wurde.

 

Redaktion: Philipp Ollenschläger

Stand: 20. 9. 2018